Christian-Ernst-Gymnasium Erlangen

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Beschreibung des Programms

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Bei vielen Diskussionen über die Kompetenzorientierung am Gymnasium hat man den Eindruck, im Mittel­punkt stünde - neben der Sachkompetenz („Grundwissen“) - vor allem die Methodenkompetenz. Zuweilen wird auch im Zusammenhang mit schülerzentrierten Unterrichtsformen und Projektarbeit die Sozialkompe­tenz beleuchtet. Zu wenig Beachtung findet jedoch häufig die Selbstkompetenz. Gerade bei den Faktoren, die den so genannten „Schulerfolg“ bestimmen, werden Schüler/-innen oftmals auf ihre kognitive Leistung reduziert. Uns ist es wichtig, den Schüler/-innen zu vermitteln, dass es uns neben der Förderung der Sach- und Methodenkompetenz genauso um die Förderung der Sozial- und Selbstkompetenz geht. Wir wollen den Wachstumsprozess - das „Crescendo“ - der uns anvertrauten Kinder von Anfang an begleiten, die wir im Sinne des konstruktivistischen Denkansatzes als aktive Gestalter ihrer Welt und ihrer Lernprozesse begreifen. Unsere Verantwortung als Eltern und Lehrkräfte liegt darin, für diesen Lern- und Entwicklungsprozess günstige Rahmenbedingungen zu schaffen. Unser Ziel ist die Förderung, Begleitung und Unterstützung der Kinder beim Aufbau einer personalen und sozialen Identität.  Und so begrüßen wir  das Anliegen des Kultusministeriums, die 5. Jahrgangsstufe als „Gelenkklasse“ zu ver­stehen, und fühlen uns herausgefordert, dieses Anliegen in einem ganzheitlichen Konzept umzusetzen.

Bereits im Jahr 2005 beschäftigten wir uns im Rahmen eines Pädagogischen Tages, an dem wir mit 20 Lehrkräften aus 14 Grundschulen unseres Einzugsbereichs zusammengekommen waren, mit dem Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium. Ergebnisse dieses Tages waren u. a.

  • die Notwendigkeit, das Angebot „Lernen lernen“ nicht nur in Zusatzstunden anzubieten, sondern in den Unterricht der einzelnen Fächer zu integrieren;
  • die Forderung nach Ausgleich und Angleichung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen;
  • die Erstellung von Plänen zur Schulaufgabenvorbereitung, auch gemeinsam mit der Klasse,
  • die Notwendigkeit eines behutsamen Umgangs mit den „Neuankömmlingen“, die durch den Schock der Neuplatzierung im Leistungsspektrum gerade am Anfang von vielen Selbstzweifeln geplagt werden;
  • die Einladung der „neuen“ Fünftklässler/-innen und ihrer Eltern zum Sommerfest des ausklingenden Schuljahres vor dem Start in die 5. Klasse, um ihre zukünftigen Klassenlehrer/-innen kennen zu lernen und mit der Lokalität ein wenig vertraut zu werden.

In den letzten Jahren haben sich folgende Maßnahmen etabliert, die wir im ersten Gymnasialjahr anbieten als Impuls für das eingangs erwähnte „Crescendo“:

  • Am Informationsabend für die übertrittswilligen Schüler/-innen der 4. Jahrgangsstufe stellen wir bereits die Klassenlehrer/-innen der kommenden 5. Klassen vor. Diese stehen auch am Tag der Einschreibung den Eltern unterstützend zur Verfügung.
  • Außerdem bieten bei der Einschreibung die Musiklehrkräfte eine Musik-Beratung der Eltern und Kinder an und sind behilflich bei der Entscheidung, welches Instrument gelernt werden soll.
  • Aufgrund des unterschiedlichen Kenntnisstandes der Schüler/-innen aus den verschiedenen Grundschulen im Bereich der Musiktheorie und Notenlehre richten wir in der 5. Jahrgangsstufe eine freiwillige Intensivie­rungsstunde im Fach Musik ein, in der fehlende Kenntnisse aufgeholt und Leistungsunterschiede nivelliert werden können.

Entscheidend ist für uns ein gelungener Start der Kinder am Gymnasium. Viele Schulen haben zwar schon länger erkannt, dass ein/e Fünftklässler/in vielleicht vor allem deshalb schlechte Schulleistungen bringt, weil er/sie das Lernen (noch) nicht gelernt hat, und bieten – ebenso wie wir – spezielle „Lernen lernen“-Kurse an. Allerdings wird nach unserer Erfahrung der emotionale Faktor der Angst unterschätzt. Das war für uns vor vier Jahren der Anlass, das Projekt „Angstfrei lernen“ ins Leben zu rufen. Gerade Fünftklässler/-innen haben zu Beginn ihrer Gymnasialzeit so viel Neues zu bewältigen, dass sie häu­fig nicht nur die Unterstützung der Eltern, der Klassleitung und der Tutoren brauchen. Es sind vielleicht nicht viele Kinder, bei denen sich Ängste dann auch auf das Abrufen ihrer vollen Leistungsfähig­keit auswirken, aber speziell um diese Kinder geht es uns bei unserem Projekt.

Wir wollen den Schüler/-innen und ausdrücklich auch den Eltern von Anfang an eine Sicherheit vermit­teln, die Ängsten vorbeugen kann, dann aber im Einzelfall auch individuelle Unterstützung und Beratung anbieten, wenn Ängste auftreten sollten. Durchgeführt wird das Projekt von unserem Pädagogischen Team, bestehend aus der Schulpsychologin, der amtierenden Beratungslehrerin, unserer ehemaligen Bera­tungslehrerin sowie den Seminarlehrkräften für Pädagogik (Diplompädagoge) und Psychologie (ausgebil­dete Beratungslehrkraft). Jede/r Mentor/in ist einer 5. Klasse zugeordnet, in der er/sie nicht unterrichtet, und begleitet die Klasse bzw. die Eltern vom ersten Schultag an.

Am ersten Schultag schenken wir daher nicht nur den Schüler/-innen, sondern auch deren Eltern besondere Aufmerksamkeit:

  • Wir laden ein zu einem ökumenischen Anfangsgottesdienst, in dem in angemessener Form auf die Situation des Übergangs und Neuanfangs am CEG eingegangen wird, und freuen uns, dass dieser Einladung nahezu alle Kinder mit ihren Eltern folgen.
  • Im Anschluss an den Gottesdienst werden Eltern und Schüler/-innen von Mitgliedern der Schulleitung in ihren Klassenzimmern begrüßt. Danach übernehmen die Klassenleiter/-innen die Kinder und stimmen ein in die ersten Tage. Am Ende des ersten Tages erhält jede/r Schüler/-in eine Dokumentenmappe mit einem Begrüßungsbrief, den der Schulleiter und die Klassenleitung persönlich unterzeichnet haben.
  • Während die Klassen am Vormittag arbeiten, treffen sich die Eltern in unseren Räumen der Ganztagesbetreuung und der Mensa. Dort werden sie vom Elternbeirat mit einem Stehkaffee willkommen geheißen, bevor sie mit dem ihrer Klasse zugeteilten Mitglied des pädagogischen Projekts „Angstfrei lernen“ im Klassenelternverband zusammenkommen. Hier werden anhand eines „Organisationstelegramms für die ersten Tage am CEG“ wichtige Organisationsabläufe erläutert. Außerdem bleibt hier Raum für ein erstes Kennenlernen der Eltern untereinander und für Fragen zum Schulalltag. Am Ende dieser Gesprächsrunden erhalten die Eltern die bereits in der letzten Ferienwoche per elektronischem Versand ausgegebene Materialliste für die in den einzelnen Fächern notwendigen Anschaffungen und können Rückfragen stellen.

In den ersten Tagen veranstalten die Tutor/-innen aus der 10. Jahrgangsstufe eine Schulhausrallye, damit sich unsere Neuen schnell im Haus zurechtfinden. Außerdem vermitteln wir für Kinder, die Unterstützung wünschen, sogenannte Buspatenschaften: Wir ermitteln ältere Schüler/-innen, die mit derselben Buslinie unterwegs sind und den „Neuen“ mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihnen damit Sicherheit vermitteln.

Aufgabe dieses „Mentorats“ durch das Team „Angstfrei lernen“ ist es über die Begleitung in den ersten Tagen hinaus, sowohl Eltern als auch Schüler/-innen zur Verfügung zu stehen, wenn Gesprächsbedarf und spezieller Bedarf an Unterstützung besteht. Die Tatsache, dass der/die Mentor/-in nicht im alltäglichen Unterrichtsgeschehen mit dem Schüler/der Schülerin eingebunden ist, ermöglicht eine andere Kommunikationsstruktur, vielleicht auch einen geschützteren Umgang mit speziellen Schwierigkeiten. Dessen ungeachtet suchen die Mentoren/-innen natürlich auch den Kontakt mit den Fachlehrkräften und besonders mit den Klassenleiter/-innen, um sich über einzelne Schüler/-innen auszutauschen. Ergänzt wird dieses Beratungsteam durch unsere „Lotsin“, eine Grundschulkollegin, die mit einem Teil ihres Deputats unserer Schule zugeordnet ist. Neben ihrem spezifischen Angebot an Gruppen- und Einzelmaßnahmen im Fach Deutsch ist sie auch in alle übergreifenden pädagogischen  Maßnahmen eingebunden (z. B. Pädagogische Abende, Klassenkonferenzen).

Im Dezember besuchen die Mitglieder des pädagogischen Projekts „Angstfrei lernen“ in einer Stunde ihre Klasse. Thema ist eine Reflexion der ersten Schulwochen mithilfe eines Fragebogens, den die Schüler/-innen anonym ausfüllen. Im Anschluss an die Bearbeitung des Fragebogens bleibt Zeit für das offene Gespräch. Ebenso werden die Eltern schriftlich und anonym befragt. Die Ergebnisse werden ausgewertet und im Rahmen eines Themenelternabends der 5. Klassen diskutiert.

Unsere dreijährigen Erfahrungen in diesem Projekt sind positiv. Viele Eltern geben uns die Rückmeldung, dass ihr Kind und sie selbst sich gut aufgenommen fühlen. Das Angebot zu Einzelberatung im Bereich schulischer Ängste wird durchschnittlich von etwa 10 % der Kinder bzw. ihrer Eltern angenommen. Auch die Lehr­kräfte in den 5. Klassen geben des Öfteren Beobachtungen über einzelne Kinder weiter, die sich möglicherweise nicht wohl fühlen bzw. denen die Eingewöhnung schwer fällt. Die Ergebnisse der schriftlichen Befragungen von Kin­dern und Eltern bestätigen, dass die weit überwiegende Zahl der Fünftklässler/-innen schnell in die Schule integriert ist und sich in der neuen Schulsituation zurechtfindet. Besonders wichtig ist uns bei dieser individuellen Betreuung die Integration von Kindern aus Elternhäusern, die aufgrund eines Migrationshintergrunds oder schwieriger sozialer Umstände in unserem Bildungssystem oft benachteiligt werden. So durfte beispielsweise ein Junge aus einer türkischen Familie durch die Initiative der „Angstfrei lernen“-Mentorin, der Grundschullotsin und des Klassenleiters sowie durch die Mithilfe einer Abiturientin trotz anfänglicher Ablehnung durch den Vater ins Schullandheim mitfahren und fand dadurch Anschluss in der Klasse.

Neben der Stärkung im emotionalen Bereich sollen die Kinder auch in ihrem Lern- und Arbeitsverhalten unterstützt werden. So starten die Kurse „Lernen lernen“, die von unserer Beratungslehrkraft und unserer Schulpsychologin angeboten werden, bereits im September. Im Klassenverband werden – basierend auf der Lernmethodik von Wolfgang Endres – in vier aufeinander folgenden Wochen jeweils in einer Stunde Lern- und Arbeitsstrategien vorgestellt und mit den Schüler/-innen erarbeitet: Vokabellernen, Zeitmanagement, Gestaltung des Arbeitsplatzes, Regeln für sinnvolles Lernen usw. Im Sinn des „harmonischen Schulklimas“ werden auch hier die Kleinen von den Großen unterstützt. So hat im letzten Jahr erstmals eine 10. Klasse mit Unterstützung unserer Grundschullotsin einen Lernzirkel entwickelt und in den 5. Klassen durchgeführt, bei dem die Kinder wichtige Tipps von den älteren, schon erfahreneren Schüler/-innen einholen konnten.

Im Oktober kommen die Fachlehrkräfte in der Pädagogischen Klassenkonferenz zusammen und tauschen unter der Leitung der Klassenleiter/-innen Beobachtungen der ersten Wochen miteinander aus. Es geht um die Reflexion der Sitzordnung, um Tendenzen im Sozialverhalten und um die Absprache bezüglich Erziehungsmaßnahmen und Prüfungsplanung. Auch werden fächerübergreifend die dreitägigen Thementage geplant, an denen sich alle 5. Klassen in Workshops und bei Exkursionen mit einem übergeordneten Thema beschäftigen.  Die Klassenleiter/-innen fertigen über diese Sitzungen jeweils ein Ergebnisprotokoll an, das die vereinbarten Vorgehensweisen enthält und allen Fachlehrkräften an die Hand gegeben wird.

Seit dem vergangenen Schuljahr greifen wir zum  Halbjahreswechsel unser Anliegen der individuellen Beratung systematisch auf in der sogenannten „Zwischenbilanz“.  Dabei erhält jede/r Fünftklässler/-in zum Halbjahreszeugnis einen Fragebogen zur Selbstevaluation mit einem persönlichen Anschreiben, auch die Eltern werden informiert und um ihre Unterstützung gebeten. Einige Tage später führt die/der Klassenlei­ter/-in mit jedem Kind ein Feedbackgespräch (auf der Grundlage des Fragebogens und/oder darüber hin­aus), bei dem das Kind unterstützt wird, sich realistische Ziele zu setzen. Wichtig ist in dem Gespräch, dem Kind explizit auch seine Stärken aufzuzeigen. Ziele dieser Maßnahme sind

  • die Stärkung des Selbstkonzepts jedes einzelnen Schülers / jeder einzelnen Schülerin;
  • die Förderung einer reflektierten Selbstwahrnehmung;
  • die Realisierung eines ganzheitlichen Bildungsansatzes.

Dieser ganzheitliche Ansatz wird auch in den 5. Klassen wesentlich durch unser musisches Profil geprägt. Neben dem individuellen Instrumentalunterricht (in Zweier- oder Dreiergruppen) ermöglichen wir den Kindern in zwei Chören der 5. Jahrgangsstufe das gemeinschaftliche Singen und führen durch Atem- und Einsingübungen und durch einfache Mehrstimmigkeit langsam an das chorische Singen heran. Die auf ihrem Instrument bereits fortgeschrittenen Kinder werden auf freiwilliger Basis im 5.-Klass-Orchester gefördert. Sie erhalten die Gelegenheit zum gemeinschaftlichen Musizieren und werden mit angemessener Orchesterliteratur hingeführt zum Ensemblespiel. Die Begeisterung, mit der gerade die Jüngsten an unserer Schule musizieren, bestätigt uns in diesem Engagement.

Das cre5cendo-Projekt wird am Ende des Schuljahres mit der Fahrt ins Schullandheim abgeschlossen. Hier ist Gelegenheit, andere Formen des Lernens zu praktizieren, besonders die Klassengemeinschaft durch gemeinsame Aktionen und die Bearbeitung von Einheiten des Lions-Quest-Programms „Erwachsen werden“ in den Blick zu nehmen.

Die Darstellung unseres Projekts für die 5. Klassen soll zeigen, dass die Idee, die Zielsetzung und die Durchführung nicht exklusiv auf die Rahmenbedingungen unserer Schule zugeschnitten sind, sondern grundsätzlich von jedem Gymnasium aufgegriffen werden können. Die bisherigen Erfahrungen mit unserem pädagogischen Programm zur Unterstützung und Förderung unserer Jüngsten haben uns jedenfalls in unserem Grundanliegen bestärkt, die übergreifende Ausrichtung der inneren Schulentwicklung an den Schwerpunkten unseres Schulprofils in konkreten Projekten sichtbar werden zu lassen und damit dem Schulentwicklungsprozess einerseits Kontinuität zu verleihen, andererseits aber auch immer wieder neue Ideen zu verwirklichen.


Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 15. Oktober 2011 um 17:48 Uhr